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Infiziert

Sabine Magerl
DIE ZEIT 14/2004
März 2004

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ComputerPHILET0AST3R lebt und programmiert in Oberbayern (großes Foto)SECOND PART TO HELL arbeitet in Österreich an seinen VirenFotos: Manfred Klimek und Magnus Winter für ZEIT Leben

Zu Besuch bei zwei jungen Männern, die Computerviren erschaffen. Nicht aus bösem Willen, sagen sie, sondern aus Leidenschaft

Wie ausgeschnitten und an einem fremden Ort eingefügt steht er in der österreichischen Gebirgslandschaft. Schwarz ist sein langer Ledermantel, und blass ist sein Gesicht, als hätte er schon zu viel Gothic-Lieder gehört, genervt von diesem Ort, in dem, wie er sagt, auf fünf Kühe ein Mensch kommt. Und es gibt nicht viele Kühe hier. Sein Blick gleitet über die Dorfstraße hinaus, als suche er etwas in der Ferne. Seine Augen sind leuchtend grün, was nicht an der Sonne und der klaren Bergluft liegt, sondern daran, dass er sich infiziert hat.

Dann beginnt der 17-Jährige zu erzählen, wie erst sein Computer und dann er selbst angesteckt wurde, damals, vor vier Jahren, als ein Virus auf dem Rechner seines Vaters erschien. Ein »Mysterium« war das für ihn, eine Nachricht aus einer anderen, verbotenen, faszinierenden Welt. Er wollte mehr wissen: Fieberhaft suchte er im Internet, fand eine Seite von Ungarn, die sich Viren-Autoren nannten, begann mit so genannten Virus-Construction-Kits den Bausatz der infektiösen Codes zu studieren, lernte Programmiersprachen, bis er selbst Viren schrieb unter dem Pseudonym Second Part to Hell. Anders möchte er auch hier nicht benannt werden.

Ein paar hundert Kilometer entfernt sitzt Philet0ast3r, auch er einer, der in diesem Zusammenhang Wert auf seinen Online-Namen legt, vor seinem Bildschirm in einem Ein-Zimmer-Appartement in einem kleinem Ort in Oberbayern. Der Raum ist voll mit Postern, die seine Vorliebe für Punk zeigen, ein Schrank wirkt mit No-Logo-Aufklebern fast versiegelt. Die zu Dreadlocks verknoteten Haare des 21-Jährigen schimmern dicken Kabeln gleich vor dem Computerlicht. Zahlen schieben sich über den Bildschirm, als seien es ferngesteuerte Karawanen. Eine Landschaft aus Zeichen, die sich ständig verändert. Philet0ast3r geht es, sagt er, um Verschlüsselung und Schönheit. Einen Virus zu schreiben sei mit einer Kunst vergleichbar. Der Code muss kurz und effizient sein, wie ein eindringliches Gedicht.

Second Part to Hell und Philet0ast3r gehören einer Gruppe von Viren-Schreibern an, die sich Ready Rangers Liberation Front nennt. Vor drei Jahren wurde die Gruppe auf einem Netto-Supermarkt-Parkplatz in Oberbayern beim Skateboarden gegründet. Heute ist die Gruppe bekannt in der internationalen Viren-Szene. Auf ihrer Webpage zeigen die Gruppenmitglieder, von denen einige auf den Philippinen oder in Detroit leben, ihre Werke. Das sei schon alles, sagt Philet0ast3r, das sei ihr oberstes Prinzip: Die von ihnen geschaffenen Viren verbreiteten sie niemals. Auf ihrer Internet-Seite steht die Warnung, dass die Ready Rangers Liberation Front keine Verantwortung übernähme, wenn jemand mit ihren Programmen etwas Illegales anstelle. Theoretisch ist das leicht; jeder kann sie sich mit ein paar Mausklicks herunterladen.

Noch nie waren so viele Computerviren im Internet im Umlauf. 2004 sei nahezu jede zweite E-Mail, die auf einem mit Microsoft ausgestatteten PC einging, mit einer Wurm-Variante verseucht, sagt Klaus Brunnstein, Professor für Informatik an der Universität Hamburg. Sein Fachbereich hat die weltweit größte Viren-Datenbank zusammengetragen. Auf rund 50000 ist die Zahl der Computerschädlinge gestiegen. Viren hängen sich an Dateien an, die beispielsweise mit E-Mail verschickt wurden und erst bei deren Öffnen aktiviert werden. Würmer dagegen verbreiten sich von selbst, sobald sie per E-Mail im Postfach eintreffen. Die meisten neuen Varianten dieser Software-Spezies sind Mischformen. Und es gibt immer neue.

Denn in der Szene wetteifert man ständig darum, sich weiterzuentwickeln. »Ein Virus, der sich einfach nur verbreitet und dabei ein paar Dateien löscht, den gibt es schon tausendfach«, sagt Philet0ast3r. Die Anerkennung, den Respekt in der Gemeinde der Viren-Schreiber bekommt man für das Außerordentliche. Wie in jeder Jugendkultur gibt es die Künstler, die verehrt werden, und das Fußvolk, das sich einen Namen machen will, das die Künstler imitiert und dabei möglichst gut sichtbare Spuren hinterlässt, um teilzuhaben am Ruhm. Man benutzt Betriebssysteme wie die von Microsoft, die so mächtig erscheinen, und dringt in deren Lücken ein. Man besetzt die Fehler im System, um selbst etwas mächtiger zu erscheinen.

Die meisten Viren-Schreiber verbreiten ihre Werke aber nicht, betont auch Second Part to Hell. Verbreiten, das tun meist andere. Leute, die gern zur Szene gehören würden, Script Kiddys genannt, die meist nicht programmieren können, aber die Viren- oder Würmer-Programme über E-Mails, Chats oder Netzwerke im Internet ausstreuen.

Wirklich guten Viren-Autoren, sagt Second Part to Hell, und in Österreich kenne er davon außer sich selbst nur drei, ginge es um anderes.

Das Spiel zwischen den Programmierern von Viren und den Entwicklern von Antiviren-Scannern und -Programmen gleicht dem zwischen Katz und Maus. Je schwerer Viren erkannt werden können – weil sie verschlüsselt sind und sich verändernde, so genannte polymorphe Oberflächen besitzen –, umso besser sind ihre Schöpfer. Aber gar keine Erkennung wäre auch nicht gut. Denn ein Viren-Schreiber erlangt eben auch dadurch Ruhm, dass seine Viren in die Liste erkannter Computerschädlinge kommen. Wenn kein Antiviren-Programm mehr seine Viren erkennen könnte, »dann höre ich auf«, sagt Second Part to Hell. »Das wäre wie ein Frühstück machen und es dann beim Fenster hinauswerfen.« So entsteht eine merkwürdige Symbiose: Viren-Autoren schicken ihre Werke an die Firmen, der Anerkennung wegen, aber auch, damit sich ihre Viren nicht unerkannt verbreiten. Und die Firmen können wiederum ein neues, gegen diesen Virus immunes Update ihres Programms herausbringen und verkaufen.

Manchmal kommt es sogar zum persönlichen Kontakt: »Vor kurzem hat mich ein Typ von Kaspersky, einer der besten Antiviren-Programmfirmen, per Mail beschimpft«, sagt Second Part to Hell. Der Mann auf der anderen Seite sei für seinen JavaScriptGenerator (das erste Programm, um Viren in der Sprache JavaScript zu konstruieren) zuständig gewesen »und hatte wohl etwas Arbeit mit meinem Virus«. Besonders stolz ist Second Part to Hell auf einen Virus, den er Cassandra nennt, nach einem Gothic-Metal-Stück der Gruppe Theatre of Tragedy. Er aktiviert ihn kurz auf seinem nicht ans Internet angeschlossenen Rechner und lässt ihn von dem Viren-Scanner prüfen: Von 1000 Varianten, die er von dem Virus erstellt hat, erkennt der Scanner bisher nur 128.

Im Appartement von Philet0ast3r raschelt es leise in dem mit Legosteinhäusern ausgestatteten Mäusekäfig. Die Mäuse liefen oft frei herum, sagt Philet0ast3r, eigentlich sollten auch Programme nicht eingesperrt werden. »Hat nicht auch ein Virus das Recht auf seinen Lebensraum?« In der relativ eingeschränkten Programm-Sprache Batch, die einfachste DOS-Befehle wie ein Gabelstapler ausführt, schreibt er Programme, für die die Software eigentlich nicht gemacht ist. Beispielsweise eine Verschlüsselung, die zufällige Zahlen erstellt, mit deren Hilfe man ein- und denselben Virus etwa 51 Trillionen Mal unterschiedlich erscheinen lassen könnte. Ein Viren-Schutzprogramm müsste jedes einzelne Exemplar erkennen. Fast eineinhalb Jahre hat er daran gearbeitet.

Geschichten über Viren-Pioniere werden schnell zu Legenden. Etwa die von dem tschechischen Viren-Schreiber Benny, einem ehemaligen Mitglied der Gruppe 29A, die zur Elite in der Szene gehört. Er schrieb den ersten Virus, der Windows 2000 infizieren konnte, zwei Wochen bevor Windows 2000 überhaupt auf den Markt kam. Second Part to Hell blickt nachdenklich auf den menschenleeren Dorfplatz und wirft Steinchen vor seine Schuhspitzen. Schade, sagt er, dass Benny keine Viren mehr schreibt. Benny hat sich mit einem öffentlichen Brief aus dem Untergrund der Viren-Schreiber in einen »wirklich coolen« Job in der Computerindustrie verabschiedet. Keine Seltenheit, so eine Karriere. Auch Second Part to Hell will Informatik studieren, wenn er mit der Schule fertig ist. In Bennys Brief stand aber auch, dass sich die Szene verändert habe. »Primitiver Mist überflutet das Internet«, heißt es darin, viele Leute seien wohl mehr daran interessiert, Viren zu verbreiten und Schaden anzurichten, als das schlaue Programmieren von Viren voranzutreiben.

Sosehr sich die Schöpfer von Viren deutlich von denen unterscheiden wollen, die sie verbreiten, besteht doch ein seltsames Verhältnis, wie zwischen dem, der eine Waffe erfindet, und dem, der sie einsetzt. Ohne die im Internet frei zugänglichen Programme und Virus-Construction-Kits hätten es Letztere nicht so einfach. So wurde beispielsweise ein Teenager in Minnesota verhaftet, der den Code der Wurmsoftware Blaster, deren Programmierer bisher unbekannt blieb, einfach nur etwas verändert hatte und Tausende von Computern infizierte. Dummerweise hatte er im Code eine Referenz auf seine Webpage hinterlassen.

In vielen Ländern, wie auch in Deutschland oder Österreich, wird das Schreiben von Viren im Gegensatz zu deren Verbreitung nicht strafrechtlich verfolgt. Doch bewegt man sich in einer gesetzlichen Grauzone. Als vor einem Monat die Viren-Schreiberin Gigabyte in Belgien verhaftet wurde, gab es Diskussionen in der Gemeinde und in Chats von Viren-Autoren. Hatte die 19-Jährige vielleicht doch Viren verbreitet? Oder wollte man ein Exempel statuieren?

Vor kurzem bekam Philet0ast3r die E-Mail: »Hi, I’m a kid from Texas. Could you teach me how to write a virus?« Eigentlich ist der 21-Jährige, der gerade in einem Behindertenheim ein freiwilliges soziales Jahr macht, ein sehr netter und hilfsbereiter Mensch. Doch da reichte es ihm. Der Frager solle sich das bitte selbst beibringen, schrieb er zurück. Wie einfach das geworden ist, zeigt Second Part to Hell am Laptop. Er ruft ein Virus-Construction-Kit auf, das er geschrieben hat. Mit ein paar Mausklicks wählt man aus, wie der Virus heißen, was im Betreff der E-Mail erscheinen, welche Dateien er verändern oder löschen, wie er sich verbreiten soll. Okay, sagt er, und das schmeißen wir jetzt besser schnell weg. Wäre das Ding online, gäbe es nun einen Virus mehr im Internet.

Manche hebt er sich auf. Den I-Love-You-Virus beispielsweise. Second Part to Hell klickt einmal auf die rechte Maustaste und öffnet auf seinem Computer den Virus, der in Medien – vielleicht nur durch seinen Namen – berühmt geworden ist. Ehrlich gesagt, sagt er leise, aber doch etwas herablassend, der hat keine besonders gute Technik. Aber das sei auch eine andere Klasse von Viren-Schreibern, eine, die nicht auf die künstliche Intelligenz von Viren, sondern auf die natürliche Dummheit der Menschen setzte. »Da könnte ich gleich«, sagt der 17-Jährige, »einen Virus an meinen 60-jährigen Onkel schicken mit dem Anhang sex.jpg.«

Das wäre doch viel zu einfach, sagt auch Philet0ast3r. Dann lässt er seinen Computer allein und trifft ein paar Freunde, die nichts mit Viren zu tun haben – während in seinem Computer ein Virus weiterläuft, der alles in sich trägt, was Philet0ast3r bisher gelernt hat. Ein privater Supervirus sozusagen, in dem sich Programme chaotisch überschneiden, dessen destruktive Seiten er mit Gegenprogrammen ausschaltet. »Für mich ist ein Virus«, sagt er, »schon so eine Art von Lebewesen«.

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